Freitag, Juli 21, 2017
   
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GGG-Kongress "Kulturelle Vielfalt – der Schlüssel zur Welt"

Der 34. Bundeskongress der GGG unter dem Motto
"Kulturelle Vielfalt – der Schlüssel zur Welt"
fand vom
12.-14.11.2015 in der Oberschule am Leibnizplatz in Bremen statt.

Bereits am Donnerstagabend trafen sich über 20 Kongressbesucher und Mitglieder der GGG-Bremen im historischen bremischen Ratskeller zum gemütlichen Auftakt.
Freitag früh um 9.00 Uhr begann die Arbeit: in 8 bremischen Oberschulen konnten die Besucher deren Umsetzung von Aspekten des Kongressthemas kennenlernen. Bevor diese Themen dann am Nachmittag in Workshops vertieft wurden, fand zunächst die Eröffnung in der Oberschule am Leibnizplatz(OSL) statt – im Theater der Bremer Shakespeare Company, die seit 1991 in den Gebäuden der OS beheimatet ist. Nach einem musikalischen Auftakt mit dem Chores des 12. Jahrgangs begrüßte Schulleiter Hamid Frizi die ca. 100 Kongressteilnehmer/innen. Er schilderte die vielfältigen Wandlungen der Schule an diesem Standort seit der Gründung als Oberschule vor über 100 Jahren, dann Oberrealschule, Gymnasium nach dem 2.Weltkrieg und seit 1991 Gesamtschule, und nun wieder Oberschule am Leibnizplatz – ein Abbild der vielfachen Wandlungen der bremischen Schullandschaft und Bildungspolitik. Deren aktuelle Absichten und Zukunft stellte die Bildungssenatorin, Dr. Claudia Bogedan, in ihrem Grußwort ausführlich dar und betonte die wesentlichen Momente des „Bremer Schulfriedens“ von 2007, der neben den Gymnasien nur noch Oberschulen vorsieht. Die Gymnasien sind seitdem verpflichtet, alle aufgenommenen Schüler zu behalten und zu einem Abschluss zu führen.
Nach der offiziellen Kongresseröffnung durch den Bundesvorsitzenden Lothar Sack stellte Prof. Dr. Rolf Werning in seinem Vortrag die Bedingungen und Ergebnisse einer inklusiven Beschulung auch aus internationaler Sicht dar. Einmal mehr betonte er die sozial selektive und benachteiligende Wirkung frühzeitiger Aufteilungen, die z.B. auch in der Hattie-Studie deutlich benannt, allerdings bei deren Rezeption in Deutschland meist verschwiegen werden. Inklusiver Unterricht wird dann erfolgreich für alle, wenn Regel(Fach)lehrer und Sonderpädagogen in multiprofessionellen Teams diesen gemeinsam planen und vorbereiten. Bloße Anwesenheit und adhoc-Unterstützung im Unterricht – „Flüster- oder Schäferhund“-Pädagogik - verhindern eine inklusive Sicht und erfolgreiches Lernen aller Kinder.

Die neben den Arbeitsgruppen angebotene bildungspolitische Runde diskutierte intensiv, wie die GGG wieder mehr öffentliche Wirkung entfalten könne. Der für das Jahr 2016 gemeinsam mit den anderen Verbänden des Bündnisses „Länger gemeinsam Lernen“ (GEW, GSV, Aktion Humane Schule u.a.) geplante Bundesschulkongress unter dem Thema: „Eine für Alle – die inklusive Schule für die Demokratie“ wurde dabei einhellig begrüßt und der Vorstand darin bestärkt, diesen Kongress als Auftakt einer gemeinsamen Kampagne für die „eine Schule für Alle“ und für eine dauerhafte Kooperation zu nutzen.

Für viele Teilnehmer war nach dem gemeinsamen Abendessen im Theaterrestaurant „Falstaff“ der Besuch einer Vorstellung der Bremer Shakespeare Company das besondere highlight – In 10 Szenen fahndete das Ensemble ‚neurobiologisch‘ nach dem Sitz des Bewusstseins und begeisterte mit gelungenen musikalischen Arrangements, Dialogen und schauspielerischer Umsetzung nicht nur die GGG-ler in der ausverkauften Aufführung.

Die Podiumsdiskussion am Samstag versammelte die Teilnehmer erneut im Theater – unter dem Thema „Kulturelle Vielfalt und Teilhabe“ wurden die Kooperationsprojekte der OSL und der Gesamtschule Ost (GSO) vorgestellt. Einen schönen Einstieg ermöglichte Stefan Schrader, Cellist der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, durch seine fulminante Performance zu „Freude schöner Götterfunken“, die durch den brillanten Chorbeitrag von Schüler/innen der 6. Klasse gekrönt wurde.
Eröffnet wurde die Diskussion durch Kurt Edler, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik, der einmal mehr betonte, wie wichtig eine inklusive Sicht gerade angesichts der Zuwanderung jugendlicher Flüchtlinge ist, um diesen ein „sense of belonging“
zu ermöglichen.

Gerd-Ulrich Franz

 

Kulturelle Vielfalt - Schlüssel zur Welt - Warum dieses Motto?

Kulturelle Vielfalt hört sich an nach Philantropie und Humanismus, nach Toleranz, nicht im Wortsinn des Erduldens, eher nach respektvollem Neben-, besser Miteinander, schließt die Dominanz einer Kultur über die andere(n) aus: Dann wäre es nämlich mit der Vielfalt zu Ende. In ruhigen Zeiten ist kulturelle Vielfalt eher touristisch geprägt: Man reist in andere Länder, nimmt das dortige (ggf. exotische) Anders-Sein interessiert, manchmal erstaunt zur Kenntnis und taucht anschließend wieder ein in die eigene kulturelle Identität, gewissermaßen kulturelle Vielfalt auf Abruf, wie im Museum.
Derzeit kommen viele Menschen aus anderen Ländern zu uns, etliche nicht als Besucher, sondern um hier – evtl. vorübergehend, evtl. auf Dauer – Schutz, Arbeit, ein besseres Leben zu finden, auf jeden Fall eine Weile zu bleiben.
Die Mitte Europas war schon immer Migrationsland. Viele gingen weg und gehen noch heute, viele kamen und kommen her. Ungewohnt ist, dass ein beträchtlicher Teil der Flüchtlinge und Einwanderer aus Afrika und dem nahenm und mittleren Osten kommen. Viele sind an Hautfarbe und Gesichtsschnitt als „nicht von hier“ identifizierbar. Die so erfahrene „kulturelle Vielfalt“ ist plötzlich nicht mehr so erbaulich, wird vielerorts als verunsichernd, ja gar als bedrohlich erlebt. Wie wir mit diesen Menschen umgehen, ist ein Prüfstein, ob unsere Vorstellungen von Humanität praxisrelevant werden oder nur als Reklameschilder taugen.

Ob Menschen als EU-Bürger oder mit einer Blue-Card zu uns kommen, ob sie als Asylsuchende einer Verfolgung entgehen wollen, ob sie vor dem Krieg fliehen, ob sie vertrieben werden oder einfach nur ein besseres Leben erhoffen, ob wir an ihnen interessiert sind oder nicht, sie bringen ihre bisher gelebte Kultur mit und wollen sie natürlich auch weiterleben. Das haben sie übrigens mit deutschen Rentner-Emigranten gemeinsam, die sich in Mallorca oder an der türkischen Riviera niederlassen. Hier wie da geht das nicht immer reibungslos. Selbstverständlich sind Ideen und Praktiken nicht akzeptabel, die andere in ihren Rechten beeinträchtigen oder das friedliche Zusammenleben in Frage stellen und stören, auch dann nicht, wenn sie sich auf kulturelle oder religiöse Traditionen berufen. Die Ideen, die unserem Grundgesetz zu Grunde liegen, sind hier ein guter Gradmesser und bieten eine gute Orientierung.

Bei uns ist die Heterogenitäts-Toleranz nicht besonders ausgeprägt. Das sieht man bereits am Schulsystem, das wir uns leisten: 2015 gibt es noch immer (und zum Teil wieder verstärkt) Bekenntnisschulen; und unser ständisch-gegliedertes Schulsystem – oder was davon in einigen Bundesländern noch existiert – ist auch kein Ausweis einer Wertschätzung von Verschiedenheit und Vielfalt. Unser tradiertes Schulsystem sorgt nicht dafür, dass jeder unabhängig von seiner Herkunft die gleichen Bildungschancen hat, nein, es sorgt durch seinen Sortiereifer eher dafür, dass gesellschaftliche Unterschiede vertieft werden. Das nennt man institutionelle Diskriminierung. Von vornherein inklusiv zu denken, die vorgefundene Vielfalt als Schatz zu sehen, die vorhandenen Begabungen zu erschließen, gelingt unserem Bildungssystem schon nicht für die einheimische Bevölkerung, einschließlich der mit migrantischer Geschichte. Und auch das ist für uns leider nicht neu: Schließlich erwächst der Ruf nach der gemeinsamen Schule für alle aus der Überzeugung und mittlerweile der Erfahrung, dass diese Schule es besser kann. Doch auch manche sich integriert wähnende Schule sucht die Schüler/-innen danach aus, ob sie in ihr Profil passen. Pech, wenn das Profil nicht auf die Kinder und Jugendlichen passt, die vor Ort sind.

Umso größer sind die Herausforderungen in Zeiten wie diesen, in denen größere migrantische Bewegungen statt finden. Für unsere kulturellen Wertvorstellungen von Humanität und Aufklärung, Demokratie und Selbstbestimmung, Toleranz, Respekt und Solidarität und vor allem friedlicher Konfliktlösung ist dies eine Bewährungsprobe, die auch über die Glaubwürdigkeit und damit über die Attraktivität unseres Wertesystems entscheidet.

Mit unserem Bundeskongress wollen wir diese Problematik für unseren professionellen Bereich, die Schule, aufgreifen: Probleme sehen, Lösungsideen erörtern, gelungene Praxisbeispiele bekannt machen. Wir hoffen, dass das vorgelegte Programm als hilfreich empfunden wird.

Lothar Sack

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